The Old New Way

Die Glastür fällt ins Schloss. Die Deckenbeleuchtung schaltet sich ab. Die Kaffeemaschine geht auf EcoMode. Die Kopierer schalten auf Standby. Ruhe senkt sich über das Lehrerzimmer.
Plopp! Ein vollgesogener schwarzer Whiteboardmarker fällt aus seinem Tintenfass und rollt über die Ablage. Auf einer vergessenen Fotokopie bleibt er liegen und sieht sich um. Rot und Grün stehen noch in der Tinten-Tankstelle und dösen vor sich hin.
„Hey, Jungs, wo ist Blau? Aufwachen – Blau ist weg!" ruft er zu seinen beiden Kollegen hinüber.
„Nicht schon wieder! Erst gestern hatten wir einen Riesenärger, weil wir zum Gallery Walk im GK 13 nicht vollzählig erschienen sind. Und morgen haben wir eine concept map auf dem Terminkalender, da werden auch alle gebraucht! Los, wir müssen ihn suchen! Da – er hat Spuren hinterlassen..."

Und so machten sich mitten in der Nacht drei Whiteboardmarker auf die Suche. Die Spuren führten sie in einen Bereich, den nie zuvor ein Whiteboardmarker gesehen hatte: den Keller.
„Wo sind wir hier? Und was ist das denn? Türen, durch die man nicht durchsehen kann?"
Die blauen Spuren führten zu einer verrosteten Eisentür. Was mochte sich dahinter verbergen? Alle drei lehnten sich gegen die Tür und lauschten. Nichts! Die Tür war zu dick.
Aber durch einen Spalt unter der Tür schien ein wenig Licht.
„Los, macht euch so flach wie möglich, wir rollen da durch!"
Drinnen fanden sie Blau in ein Gespräch vertieft – mit ...
„Wer ist das denn? Habt ihr ein solches Wesen schon mal gesehen?"
Blau sprang auf und sagte: „Hey, was macht ihr denn hier? Darf ich euch meinen neuen Freund vorstellen? Er ist ein Schwamm. Stellt euch vor, er hat früher Tafeln geputzt."
Eine große schwarze Schiefertafel meldete sich aus einer Ecke. „Geputzt... na ja. Meistens hat er mich unter Wasser gesetzt, bis ich kaum noch Luft bekam, alle meine Poren verstopft und meine Freundin, die Kreide, aufgeweicht. Eine fiese Schmiererei war das!"
„Genau!" rief ein Stück rote Kreide. „Der ist schuld, dass wir alle in den Keller mussten und ihr Marker jetzt da oben die Macht habt."
Ein Kartenständer und ein Zeigestock nickten beifällig.
"You and I are past our dancing days", schallte es aus einem verstaubten Folianten, der auf einem hölzernen Lehrerpult lag.
„Ha! Das hab ich mal im LK Englisch ans Whiteboard geschrieben – das ist Shakespeare, den lesen die da oben immer noch!" rief Schwarz.
"Dancing days dancing days dancing days dancing days dancing days ...", leierte das Tonband aus dem Sprachlabor vor sich hin.
Ein altes Buch öffnete sich und rezitierte: "I dance, you dance, he she it dances, ..."
„He she it, das s muss mit", schrie Blau begeistert.
„Die dritte Person Singular...", warf die Grammatik ein, wurde aber sofort von einer Matrize unterbrochen: "Fill the gaps in the text below. Use the correct form of the verbs in brackets."
„Sei still!" sagte die Kreide. „Du bist ja nun wirklich total out."
Die Matrize protestierte. „Blau hat doch eben erzählt, dass er solche Arbeitsanweisungen oft genug schreiben muss!"
"Fill the gaps Fill the gaps Fill the gaps Fill the gaps...", intonierte das Tonband.
"Oh, that way madness lies", warf der Foliant ein.
„Wer bist du denn eigentlich?" fragte Grün.
„Gestatten: The Complete Works of William Shakespeare, First Folio, 1623. Heute gemeinhin ersetzt durch Reclam-Heftchen und das Internet. This is a sorry sight..."
"If you have tears, prepare to shed them now." ergänzte ein Klassensatz von „Julius Caesar", der dem Zentralabitur zum Opfer gefallen war.
„Gebt die Hoffnung nicht auf," tröstete Rot. „Eure Stunde kommt bestimmt noch mal."
"My momma always said, 'Life is like a box of chocolates. You never know what you're gonna get'," flüsterte eine Video-Kassette.
„Hey", rief Rot. „Das ist aus 'Forrest Gump'. Das analysieren sie gerade in der 11. 'Media Literacy' nennen sie das. Wieso bist du denn dann hier unten?"
„Analysieren?" wunderte sich die Video-Kassette. „Ich war immer nur gut für die letzte Stunde vor den Ferien. Und ich hab' ja keine Untertitel..."
„Moment mal!" rief Blau. „Ich habe da eine Idee."
Die vier Marker steckten ihre Köpfe zusammen, berieten und diskutierten. Nach einigen Minuten ergriff Blau das Wort.
„Hört alle mal her. Dieses Jahr feiert die Schule ein Jubiläum. Und deshalb kommt ihr jetzt mit in Raum 321, den Englisch-Fachraum. Dort machen wir ein Museum auf, und in dem seid ihr die Hauptfiguren."
"Though this be madness, yet there is method in it", kommentierte der Foliant begeistert. "We few, we happy few, we band of brothers."

Die Glastür zu Raum 321 öffnet sich. Die Schüler betreten den Raum. Die Deckenbeleuchtung schaltet sich ein. Das Museum hat seine ersten Besucher. Auf allen vier Whiteboards lesen sie:

„The web of our life
is of a mingled yarn,
good and ill together."

W. Shakespeare, All's Well That Ends Well

Kommende Termine

21Sep
21.09.2017 08:00 - 08:45
ökum. Gottesdienst SII
28Sep
28.09.2017
Bundesjugendspiele
2Okt
02.10.2017
Ehemaligen Treffen
5Okt
05.10.2017 08:00 - 08:45
ökum. Gottesdienst 9-er
23Okt
23.10.2017 - 05.11.2017
Herbstferien