Andorra am Altenforst: kongeniale Inszenierung von Max Frischs Modellstück zur Kollektivschuld

30 Schülerinnen der Jg. 11 spielten unter der Leitung von Sascha Ternedde-Wieck und Carolin Rentrop Andorra. Dem Literaturkurs gelang eine Inszenierung, die darauf abzielte, die Besucher des Stücks aus der Anonymität und Sicherheit des Zuschauerraums zu holen.

Zu Beginn saßen die Zuschauer noch in klassischen Stuhlreihen vor der Bühne der Aula. In der Mitte der Bühne ragte ein Baumstamm empor, der an einen (Marter-)Pfahl oder ein Schandmal erinnerte. Beunruhigende Musik und grelle Lichtgewitter ließen die überhitzte Spannung eines herannahenden Unwetters entstehen.

Die Bühne wirkte karg: Der Bühneninnenraum war im Halbkreis von Stühlen eingerahmt, die zusammengewürfelt wirkten. Alle Ensemblemitglieder trugen schwarz. Zur Linken vorne auf der Bühne stand ein mobiler Garderobenständer, von dem die Darsteller sich die Outfits nahmen und sich vor den Zuschauern umzogen - ein erster Kniff das Illusionstheater zu durchbrechen.

 

In der Eröffnungsszene saßen die Ensemblemitglieder in eingefrorenen Posen auf den unbequem wirkenden Stühlen und warfen sich gegenseitig Sätze zu, ohne miteinander zu kommunizieren. Schließlich murmelten oder schrien sie in den Raum, im kollektiven Nebeneinander gefangen, „ich bin nicht schuld“ – ein Leitmotiv des Stücks.

„Schuld“ blieb in dieser Inszenierung kein abstrakter Begriff. Wie ein ungewolltes, aber fühlbares Objekt schien jedes Ensemblemitglied sie kurz in die Hand zu nehmen und weiterzureichen: Alle waren involviert, keiner war Schuld.

Sascha Ternedde-Wieck und Carolin Rentrop nahmen zwei Kunstgriffe vor, die diese Inszenierung von anderen erfrischend abhoben.

Geniestreich Nummer eins: Die beiden nutzten eine Rotationsbesetzung, d.h. alle Rollen wurden untereinander getauscht. Symbolisch wurde deutlich, wie fließend die Grenzen zwischen Opfern und Tätern verlaufen. Hauptfigur Andri wurde allein von 13 Ensemblemitgliedern gespielt. Er wirkte umso facettenreicher in seiner Not und wachsenden Identitätskrise. „Natürlich habe ich geglaubt, was alle geglaubt haben.“ Andri, unehelicher Sohn des Lehrers Can, der als jüdischer Pflegesohn ausgegeben wurde, durchlebte einen unerträglichen Stigmatisierungsprozess, der von sämtlichen Andorranern ausging. Erkennbar waren die Rollenwechsel jeder einzelnen Figur nur mit Hilfe kleiner Requisiten, wie einem Schal oder einem auffallenden Brillengestell.

Geniestreich Nummer zwei: Nach der Pause waren alle Sitzplätze im Zuschauerraum verschwunden und den verdutzen Theaterbesuchern wurde jeweils ein roter Zettel mit der Ankündigung einer „Judenschau“ in die Hände gedrückt. Im gesamten Saal waren etwa ein halbes Dutzend Behelfsbühnen verteilt. Die Szenen wurden auf diesen parallel und in gefühlter Endlosschleife aufgeführt. Die Zuschauer wanderten zwischen den einzelnen Podien hin und her, um sie herum marschierende Soldaten.

Besonders auffallend war die Figur von Barblin, Schwester und zugleich Geliebte Andris. Sie lief mit geschorenen Haaren und einer Stirntaschenlampe, die ihre Gesichtszüge grell ausleuchtete, auf einzelne Zuschauer zu und beschuldigte sie oder bat um Hilfe. Nun verschwammen auch die Grenzen zwischen Zuschauern und Schauspielern, Opfern und Tätern, Mitläufern und Schaulustigen. 

Dass es im Saal aufgrund der vielen parallel gespielten Szenen nicht immer möglich war, das gesprochene Wort zu verstehen, strengte an. Doch es zeigte jede einzelen Szene als einen Mosaikstein der Handlung: Entscheidend war die aus den Einzelszenen ausgehende gefährliche Dynamik des Kollektivs, die hier zum brutalen Ende führte: Andri wurde als Jude enttarnt und exekutiert. Sein Vater erhängte sich. Seine Schwester, geschoren und hysterisch, weißelte am Ende des Stücks das Pflaster auf dem Platz rund um den Pfahl, auf dem alles begann.

Ternedde-Wieck verwies auf die Rotationsbesetzung und die Auflösung des Zuschauerraums als zentrale Elemente der Inszenierung. Rentrop betonte das Engagement des Literaturkurses. „Ich bin fasziniert“, erklärte sie begeistert, „was aus den Schülern innerhalb eines Jahres geworden ist“.

Die Ensemblemitglieder waren: Chan Omar, Nico Redman, Karla Gilgenberg, Anna Neßhöver, Annika Pietschke, Max Mantsch, Jan Wenzel, Eyup Demir, Jordana Ciosse, Felix Reiz, Melis Yilmaz, Robin Pütz, Lilly Timtschenko, Shannon Köller, Corinna Busch, Stefanie Minz, Lina Müller, Niklas Jost, Annelie Pitz-Paal, Saskia Munoz-Greiffenberg, Karla Gilgenberg, Lisa Blömeke, Eric Seecamp, Max Härig, Nils Schwung, Marco Bungart, Kim Leyendecker, Leonie Husson und Carolin Herrmann. Die Technik verantworteten Leon Lange und Tim Schönenbrücher.

Vor dem Saal und auf dem Schulhof bildeten sich kleine Grüppchen. Die laue Sommerluft und das Gefühl eines gelungenen Theaterabends brachten eine gewisse Leichtigkeit zurück. Doch das Stück in seiner ungewöhnlichen Inszenierung hielt uns noch eine Weile gefangen.

 

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